Exekutive Funktionen durch körperliches Training fördern

von Sabine Kubesch, Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL), Universität Ulm

Exekutive Funktionen, die auch als exekutive oder kognitive Kontrolle bezeichnet werden, steuern unser Denken und Verhalten. Exekutive Funktionen ermöglichen es uns, Entscheidungen zu treffen, planvoll aber auch flexibel und zielgerichtet vorzugehen, das eigene Handeln zu reflektieren und dieses ggf. zu korrigieren. Wir brauchen exekutive Funktionen folglich nicht, um nach einer Tasse Kaffee zu greifen. Vielmehr brauchen wir sie, um in Schule, Studium und Beruf erfolgreich zu sein, wo diese zentralen Gehirnfunktionen ständig gefordert sind.

Die Steuerung des bewussten Handelns durch exekutive Funktionen beruht auf dem Zusammenspiel verschiedener Teilaspekte. Damit ein Mensch sich selbst erfolgreich steuern kann, muss er automatische Reaktionen hemmen, Informationen im Arbeitsgedächtnis präsent halten und geistig flexibel sein. Diese drei Teilaspekte steuern als eine Einheit das bewusste Handeln und damit die Selbstregulationsfähigkeit bzw. die Fähigkeit, seine Gedanken und Emotionen zu steuern.

Die Hemmung (bzw. Inhibition) beschreibt die Fähigkeit, etwas trotz bestehender Impulse nicht zu tun. Durch sie gelingt es, eine naheliegende Reaktion zu unterdrücken und damit die Möglichkeit zu schaffen, eine Alternative zu wählen. Im Arbeitsgedächtnis werden Informationen bereitgehalten und bearbeitet. Als einem Teilaspekt der exekutiven Funktionen kommt dem Arbeitsgedächtnis damit die Aufgabe zu, sich vor dem „inneren Auge“ zu halten, welche nahe liegende Reaktion gehemmt bzw. welches übergeordnete Ziel verfolgt werden soll. Kognitive Flexibilität beschreibt die Fähigkeit des Menschen, sein Verhalten bei sich ändernden Anforderungen oder Prioritäten umzustellen. Damit gelingt es ihm, mit der Unbestimmtheit des Lebens umzugehen. Als Teilaspekt der exekutiven Funktionen kommt der Flexibilität die Aufgabe zu, nach erfolgter Hemmung einer automatischen Reaktion und in Übereinstimmung mit den im Arbeitsgedächtnis präsenten Inhalten eine Verhaltensänderung zu vollziehen.

In den vergangenen fünf Jahren konnte die hohe Bedeutung exekutiver Funktionen für die Lernleistung und die sozial-emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in zahlreichen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden. Dabei zeigte sich, dass exekutive Funktionen von Genetik, Intelligenz, Motivation und sozialen Einflüssen sowie von sozialer Interaktion, kulturellen Gegebenheiten und elterlicher Erziehung bzw. Unterstützung abhängen. Gleichzeitig wurde nachgewiesen, dass exekutive Funktionen trainiert werden können. Sie profitieren dabei sowohl von einem kognitiven als auch von einem körperlichen Training.

In einer Studie des ZNL, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde, konnte nachgewiesen werden, dass körperlich fitte Jugendliche im Vergleich zu weniger fitten Jugendlichen höhere Aufmerksamkeitsprozesse und eine effektivere kognitive Kontrolle aufweisen. Daraus lässt sich unter anderem folgern, dass Gehirne von körperlich leistungsfähigeren Menschen effizienter arbeiten als die Gehirne von Menschen mit geringerer Fitness. Vergleichbare Daten liegen auch bei Kindern vor. Aufgrund von Studienergebnissen, die eine Kausalität zwischen körperlicher Fitness bzw. körperlichem Training und verbesserten exekutiven Funktionen sowie Lernleistungen nachgewiesen haben, ist des folglich wichtig, in Schule und Verein die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen zu trainieren. Das Kinderturnen, das darauf ausgerichtet ist, umfassend die körperlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten von Kindern zu schulen,  liefert dafür ein entscheidendes Fundament.