2. Seniorensport-Kongress "Aktiv älter werden"

Aktiv für Ältere in Kommune und Verein!

Vielseitiger und interessanter 2. Seniorensport-Kongress des DTBs und RhTBs begeisterte mit 2.325 Stunden voller Tipps und Anregungen für eine altersgerechte Gestaltung von Übungsstunden und Vereinsangeboten. Fachkonferenz regte kommunale und Vereinsvertreter dazu an, gemeinsam Bewegungsförderung zu gestalten.

Etwa 300 Übungsleiterinnen und Übungsleiter, Vereinsvorstände und Interessierte aus Rheinhessen, den umliegenden Landesturnverbänden und auch aus ganz Deutschland nahmen am zweiten Fachkongress für Seniorensport teil. Insgesamt wurden 1.600 Workshop-Plätze gebucht, in denen Wissen zu Bewegungsangeboten speziell für Ältere vermittelt wurde. Nicht ohne Stolz eröffnete RhTB-Präsident Detlef Mann am 12. März den 2. Seniorensport-Kongress, der in diesem Jahr erstmals als Bundeskongress zusammen mit dem Deutschen Turner-Bund an der Universität Mainz stattfand. Beide Verbände hatten es sich zum Ziel gesetzt, ihren Mitgliedsvereinen das Rüstzeug für eine sportliche und seniorengerechte Zukunft mit auf den Weg zu geben.

Neben Detlef Mann begrüßte auch Schirmherrin Malu Dreyer die Kongress-Besucher. „Wir leben in einer älter werdenden Gesellschaft. Im Alter verändern sich die Bewegungsabläufe und man stellt fest, dass ein bestimmter Leistungspegel nicht mehr abrufbar ist“, so die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin. „Aus diesem Grund freue ich mich heute sehr, dass der Rheinhessische Turnerbund mit dem 2. Seniorensport-Kongress ein tolles Weiterbildungsangebot mit Tipps und Anregungen für eine altersgerechte Gestaltung von Übungsstunden und Vereinsangeboten auf die Beine gestellt hat“, so Dreyer.

Für die zukünftige, politische Arbeit gab Detlef Mann den Entscheidungsträgern noch eine Bitte mit auf den Weg. „Der ‚klassische Sport‘ und der Leistungssport stehen klar im Focus der Politik – Bewegungsangebote für die breite Bevölkerung als wesentliches Element für ein gesundes ‚Älterwerden‘ weniger. Aus meiner Sicht sollten die Begriffe Sport und Bewegungsangebote neu definiert und letzteres mehr in das Bewusstsein von Entscheidungsträgern gerückt werden“, so der RhTB-Präsident. Ministerpräsidentin Malu Dreyer bekräftigte diese Aussage: „Leistungssport macht uns stolz – aber genauso wichtig ist es, dass sich unsere Bürgerinnen und Bürger in Rheinland-Pfalz wohnortnah bewegen können.“

Nützliche Tipps, interessante Anregungen und neue Erkenntnisse

An beiden Kongress-Tagen präsentierten über 40 Referentinnen und Referenten in rund 80 Praxis- und Theorie-Workshops neueste Erkenntnisse und Entwicklungen für altersgerechte Bewegungsprogramme. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten viele nützlichen Tipps und fundierte, fachliche Hilfestellungen für die Gestaltung ihrer Übungsstunden und Vereinsangebote. Die Themenbandbreite reichte vom Sturzprophylaxe-Training, Gedächtnistraining und Aqua-Gymnastik über QiGong im Sitzen, Rollator-Fit (Gymnastik, Spaß und Tanz mit dem Rollator) bis hin zu Neurobic, dem Fünf Esslinger-Programm, Selbstverteidigung für Ältere, Stressbewältigung, funktionalem Training und Tanz. Allein die drei Kurse zum Faszientraining für Senioren fanden gut 100 Interessierte an den beiden Tagungs-Tagen. „Ich bin begeistert – der Kongress gefällt mir. Ich konnte Bekanntes vertiefen, Neues lernen und auch mal den Blick über den Tellerrand wagen. Super. Ich komme wieder“, freute sich Bewegungsbegleiterin Beate Hill aus Bubenheim. Referenten aus Berlin, Hamburg und München waren zur erstmals als Bundeskongress ausgeschriebenen Veranstaltung angereist.

Neben dem Seniorensport-Kongress hatten alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer samstags die Möglichkeit, Workshops der kostenfreien Fachkonferenz „Kommune und Verein – Demografie gemeinsam gestalten“ zu besuchen. Hier erhielten Vereinsvertreter, haupt- und ehrenamtliche kommunale Entscheidungsträger, Mitarbeiter in Sportämtern, Seniorenbüros und -vertretungen sowie Interessierte viele praktische Ideen und Tipps, wie sich eine verstärkte Zusammenarbeit von Akteuren im Bereich Bewegungsförderung positiv auf die Qualität der Lebensverhältnisse für ältere Menschen auswirken kann. „Die Fachkonferenz war aufschlussreich und interessant. Mir hat sehr gut gefallen, dass man in der Gruppe schön in den Dialog fand. Ich konnte für meine Arbeit Einiges mit nach Hause nehmen“, lautete das Resümee eines Kommunal-Vertreters.

„Die Aufgabe der Universität ist es, zu denken, was nicht jeder denkt und zu sehen, was nicht jeder sieht.“

Während Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität in der Podiumsbegrüßung anhand dieses Schopenhauer-Zitates die Aufgabe der Universität im Bereich des Seniorensportes erklärte, machte Ute Blessing-Kapelke, Ressortleiterin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) an Zahlen deutlich, wie wichtig es in Zukunft sein wird, die Rahmenbedingungen für den „Sport der Älteren“ bestmöglich zu gestalten. „Zählten vor 25 Jahren die deutschen Sportvereine 1,9 Millionen Mitglieder über 60 Jahre, sind es heute 4,2 Millionen. Das Altersbild hat sich verändert – darauf müssen wir eingehen“, so die DOSB-Vertreterin. Magnus Schneider, Präsident des Sportbundes Rheinhessen, stellte sich der Frage, ob die Sportstätten in Rheinhessen für den Seniorensport geeignet sind: „Vereine und Kommunen müssen eng zusammenarbeiten. Es müssen wohnortnahe Räume in den Kommunen geschaffen werden, wo sich Senioren zu Bewegungsangeboten treffen können“, so Schneider.

Der Heidelberger Gerontologe Dr. Christoph Rott erläuterte in seinem zentralen Vortrag „Sport und Bewegung für das Alter und im Alter“ die Lebensnotwendigkeit von körperlicher Aktivität bis ins höchste Alter. „Ohne sie verschenken wir Lebenszeit“, erklärte er. Schon eine Viertelstunde körperliche Aktivität pro Tag würde die Lebenszeit um statistisch drei Jahre verlängern. So sollten sich die Menschen bewusst machen, dass Bewegung und körperliche Aktivität zentrale Beiträge zum demografischen Wandel sind. „Die Lebenserwartung für Männer und Frauen nimmt kontinuierlich zu. Das ist eine enorme, kulturelle Errungenschaft, die wir auch so haben wollten. Es ist kein Unfall der Geschichte“, stellte der Gerontologe fest. Er unterstrich in seinem Vortrag noch einmal eindrucksvoll die positiven Auswirkungen von Bewegung auf die Erhaltung von Selbständigkeit und Mobilität im Alter mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen. „Gehirn und Muskeln sind eindeutig miteinander verbunden, alle Bewegungen werden über das Gehirn gesteuert. Das heißt, der Schlüssel zur Aufrechterhaltung unserer Alltagsfähigkeiten bis in ins höchste Alter sind körperliche und geistige Aktivität. Sport und Bewegung machen das Leben lebenswerter – besonders im Alter.“

Sport und Bewegung vor Ort gemeinsam gestalten – darum geht´s!

Eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit von Kommunen und Vereinen zum Wohle der „bewegten“ Bevölkerung – dorthin soll die Reise gehen. Dass dies funktionieren kann und vor allem wie – darüber berichtete Petra Regelin, RhTB-Vizepräsidentin GYMWELT anhand zweier Praxis-Beispiele: Dem Mehrgenerationen-Platz in Sörgenloch, einem Gemeinschaftsprojekt des örtlichen Turn- und Sportvereines mit der Gemeinde Sörgenloch, der von Bürgerinnen und Bürgern sehr gut angenommen wird sowie dem Projekt „AUF-Leben“ in der Stadt Ingelheim. Hier wurden Bewegungsangebote für hochaltrige Menschen oder Menschen mit Demenz und deren pflegenden Angehörigen durch einen nachhaltigen Aufbau von Netzwerk-Tandems (Turnvereine mit Kommunen) geschaffen.

Basierend auf diesen beiden Beispielen diskutierten unter Leitung von SWR-Moderator Christian Döring im Sportpolitischen Forum Günter Kern (Staatssekretär im Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur), Michael Hüttner (RhTB-Vizepräsident Vereinsentwicklung), Rainer Brechtken (Präsident Deutscher Turner-Bund), Roswitha Verhülsdonk (Ehrenvorsitzende der BAGSO) und Winfried Manns (Geschäftsführendes Vorstandsmitglied Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz) über die Frage: Wie ist – insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – eine zielgerichtete Zusammenarbeit von Vereinen und Kommune möglich, damit Bewegungsförderung auch zu einer zentralen Aufgabe der kommunalen Gebietskörperschaften werden kann?

Die heutigen Seniorinnen und Senioren wissen, wie wichtig es ist, die Gesundheit zu erhalten – und welch wichtige Rolle Bewegung dabei spielt. Ein selbstbestimmtes und aktives Altern steht ganz oben auf der Wunschliste. Darauf müssen sich Gesundheitswesen und Altenpflege – aber auch die Politik und der Sport einstellen. Die größte Herausforderung für Vereine ist dabei die Bildung von seniorenspezifischen Netzwerken, um eine adäquate Ansprache älterer Menschen gewährleisten zu können. Und gerade hier kommt es auf eine gute Zusammenarbeit aller Akteure vor Ort an. „Wir müssen den Weg öffnen und gemeinsam – Vereine und Kommunen – losmarschieren. Dies funktioniert leider noch nicht überall so gut wie in den gezeigten Praxis-Beispielen – Da gibt es schon noch einigen Nachholbedarf“, erklärte RhTB-Vizepräsident Vereinsentwicklung Michael Hüttner.

Roswitha Verhülsdonk, die Ehrenvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BASGO) konnte sich dieser Meinung nur anschließen. Sie verwies dabei auf das 2006 von der BAGSO ins Leben gerufene Projekt „Im Alter in Form“: „Um zu erkennen, dass sich unsere Gesellschaft verändert, muss man kein Statistiker sein. Sondern mit offenen Augen durch unsere Gemeinden gehen, mit älteren Menschen sprechen, was sie sich wünschen und was ihnen fehlt“, so die aktive 89-jährige. „Wichtig ist der Zugang zum Alltag der Menschen über die Lebenswelten wie zum Beispiel die eigene Wohnung oder die Kommune. Unsere Seniorinnen und Senioren sollen dort angesprochen und erreicht werden, wo sie leben. Dies gelingt nur in enger Zusammenarbeit mit allen Akteuren vor Ort. Austausch, Absprachen und Vernetzung sind erforderlich. Unser Ziel sollte es sein, älteren Menschen zu helfen, dass der Alterungsprozess gesund läuft. Wichtigste Nahtstellen sind dabei der Verein und die Kommune“, so Roswitha Verhülsdonk. Dabei wies die parl. Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie und Senioren a.D. unter anderem auch auf den 7. Altenbericht der Bundesregierung, der zur kontinuierlichen Unterstützung altenpolitischer Entscheidungsprozesse in jeder Legislaturperiode neu aufgelegt wird. Der Kommissionsbericht zum Thema "Sorge und Mitverantwortung in der Kommune – Aufbau und Sicherung zukunftsfähiger Gemeinschaften“ wurde Ende 2015 an die Bundesseniorenministerin Manuela Schwesig übergeben – eine Veröffentlichung wird im zweiten Quartal 2016 erwartet. „Dieser Bericht ist aus meiner Sicht ein großer Hoffnungsschimmer“, so Roswitha Verhülsdonk. „Ich denke, wenn die Inhalte des 7. Altenbericht der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, wird die Kommune und vor allem die Bewegung zukünftig in der Seniorenpolitik an Bedeutung gewinnen.“

DTB-Präsident Rainer Brechtken verwies insbesondere auf Studien-Ergebnisse, wonach die „klassische Mittelschicht“ und die gut Gebildeten keine Probleme beim Zugang zu Bewegungsangeboten hätten, die sozial Schwachen aber sehr wohl schon. Die Sinne für die Wichtigkeit sportlicher Aktivitäten zu schärfen, sei also auch eine soziale Aufgabe der Vereine und Kommunen. Zudem forderte Brechtken ein Umdenken auch im Bereich der kommunalen Sportstätten-Entwicklung ein: „Was wir brauchen sind keine Normsporthallen. Um Bewegungsangebote für Ältere anbieten zu können, brauchen wir kleinere Einheiten, die tagsüber genutzt werden können.“  Auf die Frage, wie die Unterstützung der Kommunen vor Ort konkret aussehen könne, merkte Staatssekretär Günter Kern an, dass der Schwerpunkt der finanziellen Förderung nicht mehr nur im Ausbau von Normsporthallen läge. „Wir legen in Rheinland-Pfalz inzwischen viel Wert auf den Ausbau bedarfsgerechter Lösungen und begrüßen Anträge zum Ausbau seniorengerechter Sportstätten.“

Winfried Manns  machte deutlich, dass in erster Linie die Ortsbürgermeister und Gemeinderäte vor Ort Ansprechpartner für die Vereine sind. Es läge in der Hand der Bürgerschaft und vor allem der Vereine, aktiv auf die Politik zuzugehen. Manns wies jedoch darauf hin, dass der Sport nur eine „freiwillige“ Aufgabe der Kommunen sei – keine Pflichtaufgabe. „Aus meiner Sicht müssen die Sportfördermöglichkeiten des Landes unbedingt angepasst werden“, so Manns. „Ein breiter Dialog mit Politik und den Sportorganisationen in Rheinland-Pfalz ist notwendig – dann klappt auch die Zusammenarbeit.“

Zum Abschluss forderte Michael Hüttner die Zuhörerinnen und Zuhörer aus den Vereinen auf: „Bildet Netzwerke – der Vielfalt sind keine Grenzen gesetzt. Bringt eure Kräfte vor Ort zusammen, dann ist vieles möglich – auch ohne viel Geld!“

 

Wiedersehen in zwei Jahren

Mit dem Ergebnis des bundesweit einzigartigen Seniorensport-Kongresses sind DTB und RhTB sowie alle beteiligten Partner mehr als zufrieden. „Dieser Kongress mit spezifischen Bewegungsangeboten und aktuellen wissenschaftlichen Vorträgen für die Zielgruppe ‚Ältere‘ wird auch weiterhin ständiger Bestandteil im Kongress-Kalender des organisierten Sports in Deutschland sein. Wir sehen uns daher hier in zwei Jahren wieder“, resümierte RhTB-Präsident Detlef Mann zum Abschluss der zweitätigen Veranstaltung.

 

© Text und Fotos: Rheinhessischer Turnerbund