Anja Brinker im Porträt

"Turnperle mit süßem Geheimnis"

Begonnen hat die Karriere der 1,52 Meter großen Anja ganz klassisch beim Mutter-Kind-Turnen, das von ihrer Mutter geleitet wurde. Bei einem Turncamp ist die in Melle geborene Sportlerin einem Trainer aufgefallen, der sie nach Hannover geschickt hat, wo sie von Peter Werner und Annette Lefebre trainiert wurde. Mehrere Jahre pendelte sie zwischen Schule und Sporthalle hin und her.

"Herr Koch hatte mich gefragt, ob ich in Bergisch-Gladbach ein Probetraining machen möchte. Wir haben es probiert, und es hat mir gut gefallen", erklärt Anja Brinker. "Anja ist sehr ehrgeizig und hat klare Zielvorstellungen. Sie weiß ganz genau, was sie will", schwärmt Dieter Koch, Anjas Entdecker und Hoffnungsthaler Trainer. Mit elf Jahren wechselte Brinker dann vom TK Hannover ins Rheinland zum TV Hoffnungsthal zu Ulla und Dieter Koch, lebte in einem Appartement des Stützpunktes und besucht das Gymnasium in Herkenrath. Im Jahr 2006 schloss sich die Stufenbarren-Spezialistin dem TV Herkenrath an, wo sie zunächst von Alexander Woichtichow dann von Oleg Tschekmarev betreut wurde. 2010 ging sie zurück in die Heimat und trainiert seither unter Peter Werner bei der TS Großburgwedel.

Das süße Geheimnis

Nach außen wirkt sie verschlossen, abgeklärt und souverän. Der Druck, die Erwartungen und die Zuschauer scheinen der 20-Jährigen gar nichts auszumachen. Trainer beschreiben Anja als äußerst nervenstarke Turnerin und sie verblüfft bei großen Veranstaltungen mit Abgeklärtheit und exakten Auftritten. "Ich bin vor jedem Wettkampf total nervös. Wenn ich aber am Gerät stehe, ist alle Nervosität verfolgen", erzählt die Schülerin. "Beim Wettkampf esse ich vor jedem Gerät ein Stück Schokolade, das beruhigt mich", verrät die DTB-Athletin ihr Erfolgsgeheimnis.

Das Erreichen des EM-Stufenbarrenfinales 2007 in Amsterdam und die EnBW Turn-WM 2007 prägte sie laut eigenen Angaben sehr. In Stuttgart turnte die mehrfache Deutsche Jugendmeisterin völlig unbeeindruckt von der fabelhaften Stimmung und den starken Konkurrentinnen eine exakte Kür und trug damit zum 10. Platz der Mannschaft bei, was die Qualifikation für Peking bedeutete. Joeline Möbius beschreibt Anja so: "Anja ist klein, zierlich und vor allem eine super Barrenturnerin."

Ein Traum geht in Erfüllung

Mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen erfüllte sich für Anja ein Kindheitstraum und sie ist im Gleichschritt mit ihrem Vorbild, der amerikanischen Turnerin Anastasia Liukin, die in Peking fünf Mal olympisches Edelmetall gewann. "Olympia hatte ich eigentlich immer schon vor meinen Augen. Es ist das Höchste, was ein Sportler erreichen kann." Sie wird auf anhieb 14. am Stufenbarren. Das nächste Ziel, beziehungsweise Traum, wäre eine olympische Medaille. Auf dem Weg dorthin gewann sie bei der Europameisterschaft 2009 in Mailand die Bronzemedaille am Stufenbarren. Es war die erste Medaille einer deutschen Turnerin an diesem Gerät seit 1987. "Ich zittere immer noch vor Freude. Ich bin volles Risiko gegangen, es hat sich gelohnt", so Anja nach dem Wettkampf.

Dass sie die erste internationale Medaille ihrer Karriere ausgerechnet am Stufenbarren gewonnen hat, kommt nicht von ungefähr. "Am liebsten turne ich am Stufenbarren. Die Flieger sind toll. Das ist ein irres Gefühl, wenn man durch die Luft fliegt und dann den Barren wieder zu fassen kriegt", schwärmt sie und ihre blauen Augen leuchten dabei. Nach den Weltmeisterschaften 2009 in London muss die Schülerin aber erst mal pausieren. Sie wird zwei Mal an der Ferse operiert und kann auch an de Europameisterschaften 2010 in Birmingham nicht teilnehmen. Doch die 20-Jährige will zurück in die Erfolgsspur. Bei den Deutschen Meisterschaften gelingt ihr mit dem Gewinn der Silbermedaille am Stufenbarren ein gelungenes Comeback.

Zielstrebig und willensstark

"Anja ist ein gutes Kind. Sie ist eine gute Wettkämpferin, weil sie keine chaotischen Reaktionen hat. Sie ist eine Perle, weil sie ihre Sportart liebt, immer konzentriert trainiert und ihr Bestes gibt. Solche Turnerinnen brauchen wir", lobt Cheftrainerin Ulla Koch ihren Schützling. Selbst beschreibt sich Anja als ruhigen Typ, zielstrebig und willensstark, aber auch ungeduldig. In ihrer knappen Freizeit trifft sie sich mit Freunden, geht shoppen und versucht beim Reiten auf den Pferden ihrer Cousine zu entspannen. Anja möchte gerne Physiotherapeutin werden. Das Gerätturnen möchte die in Seelze-Lathwetheren lebende Athletin aber noch mindestens bis 2012 betreiben. "Turnen ist die coolste Sportart, weil sie vielseitig und elegant ist. No risk, no fun", so Brinkers Motto.