Thomas Andergassen im Porträt
"Gereift und gelockert"
Thomas Andergassen lief seit dem Anruf des Cheftrainers Andreas Hirsch Mitte Juni leichter durchs Leben. In Flip-Flops erzählte der Sportsoldat von seiner Nominierung: "Von mir sind Tonnen an Last abgefallen." Bis vor kurzem war es noch sehr ungewiss, ob der 28-Jährige nach seiner schweren Schulterverletzung rechtzeitig für seine zweiten Olympischen Spiele fit wird. "Thomas hat geschuftet wie nie", sagt sein Trainer Gunter Schönherr. Der DTB-Turner selbst spricht von einer "Punktlandung".
Turnen als Herausforderung
Die turnerische Karriere von Thomas begann unter Anleitung seines Vaters Arthur bereits im Alter von vier Jahren. Doch auch in anderen Sportarten zeigte er Talent. Bis zum 14. Lebensjahr spielte der Schwabe in der Fußballmannschaft des TSV Oberreitnau, für den ESV Lindau ging er zudem bei zahlreichen Skirennen an den Start. Seine Leidenschaft gehörte jedoch von Beginn an dem Turnen: "Ich habe diese Sportart immer als Herausforderung gesehen", so der Burgstettener.
In den Jahre 1997 bis 2000, in denen Thomas aufgrund einer Wachstumsstörung im Bereich der Hüfte (Morbus Perthes) nur unter strengen Auflagen trainieren und keine Wettkämpfe bestreiten durfte, nutzte er die Zeit, um beim Schwäbischen Turnerbund (STB) eine Ausbildung zum Bürokaufmann zu absolvieren. Seine Eltern, die Geschwister Michael und Tanja und seine Freunde gaben ihm die nötige Unterstützung, um die turnfreie Zeit bestmöglichst zu überstehen.
"Geblieben sind mir drei Dinge"
Das "Kraftpaket vom Bodensee" erreichte zwischen 2004 und 2007 sechs Mal ein Gerätfinale bei Europameisterschaften und nahm genauso oft an Weltmeisterschaften teil. "Die prägenden Erlebnisse für mich waren das Erreichen des Team-Finals in Athen und die Bronzemedaille bei der EnBW Turn-WM in Stuttgart", erzählt der zehnfache Deutsche Meister. Nach der WM ließ sich der Trainer der Regionalligamannschaft Frauen des TSG Backnang an beiden Schultern operieren. Durch gute Rehabilitation an den Olympiastützpunkten in Berlin und Stuttgart schaffte es der Pauschenpferd-Spezialist innerhalb von sechs Monaten wieder zurück: "Geblieben waren mir drei Dinge: eine gesunde Schulter, eine neue Lockerheit und eine Fahrkarte zu meinen zweiten Olympischen Spielen", bilanzierte der Turner des KTV Stuttgarts vor Peking.
"Ich fange an, die kleinen Dinge des Lebens zu genießen", sagt der älteste der DTB-Olympiastarter. Kürzlich hat er sich eine Golfausrüstung zugelegt und dreht ohne Druck seine Runden auf dem Grün. Im Winter entspannt er ausgiebig beim Skifahren. Gemäß seinem Motto, "Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum", kostet der Sportsoldat, dessen Vertrag mit der Bundeswehr noch bis Ende 2009 läuft, die letzten Monate seiner Karriere aus. Aus dem Athleten, der oft nervös und angespannt auf Wettkämpfen war, ist ein wortgewandter Sportler geworden, der am Handgelenk ein Pro-Tibet-Armband mit dem Spruch "Sports for Human Rights" trägt.
Andergassen sah den Olympischen Spielen entlassen entgegen, da es ihm nicht mehr allein um die Jagd nach Medaillen ging. "Olympia als großer Abschluss - und dann mal wieder richtig locker leben, ohne die Anspannung des Leistungssports", sagte der angehende Student vor den Weltspielen. Mit einem persönlich guten Wettkampf in dem National Indoor Stadium erreichte Andergassen mit dem Turn-Team Deutschland den vierten Rang im olympischen Mannschaftsfinale.
Zum 1. Januar 2009 möchte der 1,66 Meter große Turner ein Fernstudium an der Trainerakademie in Köln anfangen, um dort seine Diplomtrainerlizenz zu machen.




