Kinderturnen in der Ganztagsschulbetreuung

In manchen Teilen Deutschlands ist die Nachmittagsbetreuung in der Schule schon weit verbreitet.

In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wird die Offene Ganztagsschulbetreuung (OGTS) ab 2008 Pflicht für alle Grundschulen sein. Diese Entwicklung betrifft auch die Vereine und Verbände. Die OGTS im Primarbereich dient familien-, gesellschafts-, jugend- und bildungspolitischen Zielen. Sie ist eine Antwort auf den vielfältigen Bedarf zur Verbesserung von Bildungsqualität und Chancengleichheit im Dreiklang von Bildung, Erziehung und Betreuung. Sie soll Förderung, Feizeit, Lernen, Hobby und Beratung bieten und damit ein neues Verständnis von Schule erzeugen. Die OGTS soll und wird sich zu einem ganztägig geöffneten Haus des Lebens und Lernens entwickeln.

Experte Professor Roland Naul vom Willibald Gebhardt Institut in Essen ist schon seit vielen Jahren auf dem Gebiet der schulischen Ganztagsbetreuung sowohl forschend als auch beratend tätig.

Er begleitete auch die erste Expertentagung zum Thema "Kinderturnen in der Offenen Ganztagsschulbetreuung" der DTJ mit den Vertreterinnen und Vertretern der Länder in diesem Jahr. Nachfolgend lesen Sie einige Schwerpunkte seines Beitrages.

Formen der Ganztagsschule
In Deutschland gibt es derzeit noch drei verschiedene Organisationsformen der Ganztagsschule, die sich hauptsächlich hinsichtlich der verpflichtenden Teilnahme am Nachmittagsangebot der einzelnen Schüler unterscheiden.

  • Die Gebundene oder auch Geschlossene Ganztagsschule. Hier haben alle Schüler Nachmittagsunterricht.
  • Die Teilgebundene Ganztagsschule. Bei dieser Form nehmen nur einzelne Schüler am Unterricht und den Betreuungsangeboten am Nachmittag teil.
  • In der Offenen Ganztagsschule ist die Teilnahme an den außerunterrichtlichen Angeboten von außerschulischen Trägern am Nachmittag freiwillig.

Auch die inhaltliche Gestaltung der Angebote am Nachmittag lässt sich in drei verschiedene Ansätze unterscheiden.

  • Der additive Ansatz: Das Nachmittagsangebot wird von Vereinen übernommen ohne Anbindung an die Aufgaben und Ziele des Sportunterrichts.
  • Der kooperative Ansatz: Vereine und Schule verzahnen ihre Angebote im außerunterrichtlichen Schulsport.
  • Das integrative Modell: Alle Angebote unter dem Dach der Schule werden gemeinsam konzipiert.

Durch das zusätzliche Nachmittagsangebot in den Schulen entstehen jedoch auch Interessenskonflikte mit den Vereinen. "Seitdem die Schulen hier zu Offenen Ganztagsschulen geworden sind, kommen in meine Gruppen nur noch halb so viele Kinder. Ich habe extra die Termine auf 17:00 Uhr und später gelegt, aber die Eltern sagen mir, dass ihre Kinder so spät aus der Schule kommen und danach keine Lust mehr haben, auch noch zum Training zu gehen...Was soll ich machen?" (Zitat eines Übungsleiters). Diese Aussage zeigt, wie ernst es mit der Problematik ist. Die Basis droht dem Verein wegzubrechen.

Deshalb ist es wichtig, dass die Vereine sich frühzeitig auf die bevorstehenden Veränderungen einstellen können und durch Kooperationen mit Schulen in die Nachmittagsangebote eingebunden werden. Dabei bieten sich durch die Ganztagsbetreuung ungemeine Chancen für Vereine. Laut einer Studie sind in Nordrhein-Westfalen, dem Vorreiterland in der Nachmittagsbetreuung, 70% der Mädchen und 50% der Jungen, die am Ganztagsangebot teilnehmen, nicht Mitglied in einem Verein. Dies zeigt das Potenzial für die Gewinnung von Neumitgliedern für Vereine durch ein Bewegungsangebot am Nachmittag. Außerdem bietet sich durch den Kontakt mit der Schule die Möglichkeit, Lehrer wieder zunehmend für ein Engagement im Verein zu gewinnen. Durch die Partnerschaft mit einer Ganztagsschule kann der Verein zudem von den nachmittäglichen Hallenzeiten Gebrauch machen.