Aktualisiert am 24.06.2017

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"Kunstspringen" von Reiner Schinzel

Keine Disziplin sortiert das Teilnehmerfeld im Jahn- und Schwimm-Mehrkampf so sehr auseinander wie das Kunstspringen. Gleichzeitig ist die Literaturrecherche für diese Sportart im Vergleich zum Gerätturnen, der Leichtathletik oder dem Schwimmen schwierig. Zudem werden die Trainingsmöglichkeiten durch Bäderschließung eingeschränkt. 

Im folgenden Beitrag werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie in der Turnhalle das Kunstspringen vorbereitet und – am Beispiel der Delphinsprünge – auch trainiert werden kann. Die Zahl der Übungen wird auf das Wesentliche beschränkt, damit die Umsetzung des Lernzieles möglich bleibt, ohne gleichzeitig das Gerätturntraining vernachlässigen zu müssen.

 

Übungsmöglichkeiten in der Turnhalle

Grundlagen:

Angehen und Absprung vorwärts: drei Schritte angehen, kurzer und hoher Aufsatzsprung mit Armkreis rückwärts, Absprung vorwärts. Geräteaufbau mit Bank und Minitramp empfehlenswert.

Absprung rückwärts: Absprung rückwärts aus dem Ballenstand vom kleinen und großen Kasten. 

Schulung des Orientierungssinnes: mehrere Vorwärtsrollen gefolgt von Schlussstand, Einbeinstand, Kopfstand oder Handstand (an der Wand).

Positionen: enge Hocke mit Händen am Schienbein und Hechte (Bücke) mit Armhaltung seitwärts in Rückenlage, Sitz und Schwebesitz. Eintauchposition fußwärts und kopfwärts in Bauch- und Rückenlage. Kombination der Positionen.

Saltodrehungen:

Kopfsprung gehockt mit Hilfestellung aus dem Stand in den Handstand. Salto vorwärts aus dem Stand mit Armkreis rückwärts zur Absprungvorbereitung (Trampolin, Minitrampolin, Sprungbrett).

Delphinsprung, Delphinsalto

Prinzipiell ist der Delphinsprung für Turnerinnen und Turner sehr gut zu lernen, denn er basiert auf einer sehr bekannten Bewegung: dem Kurbet. Leider halten der Gedanke, nach hinten zu springen und dabei vorwärts drehen zu müssen, und die Brettkante vor Augen viele Aktive und Trainer davon ab, diese Sprunggruppe auszuprobieren. 

Übungsreihe:

1) Kurbet mit Absprung rückwärts a) in die Bankposition und b) in den flüchtigen Handstand (mit Hilfe).

2) Kurbet mit Absprung und Salto vorwärts in den Sitz a) nach vorne, b) auf der Stelle und c) nach hinten auf dem Trampolin oder vom kleinen Trampolin auf einen gleich hohen Weichboden.

3) Wie Übung zwei aber mit Armkreis rückwärts vor dem Absprung.

Fortsetzung: Salto vorwärts auf dem Trampolin auf der Stelle, anschließend den Landepunkt Stück für Stück nach hinten verlegen.

Nun folgt der Schritt ins Schwimmbad. Zunächst muss der Absprung rückwärts mit Armkreis rückwärts vom Einmeterbrett sitzen. Sprunghöhe 80 bis 100 cm, Sprungweite 60 bis 80 cm. Als Steigerung kommt nun der Fußsprung rückwärts gehockt ins Trainingsprogramm. Wer im Schwimmbad nicht viel Zeit zum Üben hat, sollte das entsprechend gründlich in der Turnhalle vorbereiten. 

Delphinkopfsprung vom Beckenrand ?

Etwa die Hälfte aller Kinder springt bei entsprechender Vorbereitung auf Anhieb einen Delphinkopfsprung vom Einmeterbrett. Hilfreich ist dabei natürlich, wenn zuvor der Kopfsprung vorwärts gehockt erlernt wurde. Für viele Kinder ist der Umweg über den Beckenrand nötig, da wohl nur den wenigsten Jahnkämpfern eine Trockensprunganlage zur Verfügung steht. Dabei möge jeder Trainer selbst abwägen, ob und mit welchen Aktiven er diesen Weg gehen möchte oder kann.

Der Trainer steht über Eck in der Ecke des Sprungbeckens so weit zum Wasser hin wie möglich und hilft dem Übenden mit einem Drehklammergriff vorwärts um Bauch und Rücken. Die Kinder stehen an der Beckenkante und „springen rückwärts in den Handstand auf die Wasseroberfläche“. Diese Übung ist für beide Akteure anspruchsvoll, denn die Kinder dürfen nicht nach vorne wegtauchen (Beckenwand), und der Trainer muss trotz Nässe gute Hilfe leisten.

Effektiver ist die „Delphinbombe“. Die Kinder springen zunächst den Fußsprung rückwärts gestreckt und gehockt vom Beckenrand. Dann wagen sie sich als kleines Päckchen immer weiter Richtung Delphinkopfsprung, behalten die Päckchenhaltung aber im Wasser bei und vermeiden dadurch den Kontakt mit der Beckenwand. Sie lernen zuvor, wie sie mit Knien, Armen und Händen Kopf und Körper vor dem befürchteten Bauchplatscher schützen können. Ängstliche Kinder und Trainer können den Beckenrand mit einem Schwimmbrett polstern.

Voraussetzung aus dem Trockentraining für Delphinsprünge

Natürlich werden einige Jahnkämpfer auch ohne entsprechende Vorbereitung Delphinsprünge lernen - schließlich sind wir ja Turner. Für die meisten anderen aber gilt, dass sie einen Delphinsalto auf dem 1-m-Brett erst dann ausprobieren sollten, wenn der Salto in den Sitz mit Transport nach hinten am Trampolin beherrscht wird (Füße bei der Landung hinter der Absprungstelle). Wer hier locker in den Stand kommt, hat die Voraussetzungen für einen eineinhalbfachen Delphinsalto – nur Mut!

 

Das Dreimeterbrett 

Zum Thema Mut passt auch das Springen vom Dreimeterbrett. Wer in seiner Nähe ein Schwimmbad mit solch einem Brett hat, sollte seine Schützlinge so früh wie möglich zum Üben der einfachen Sprünge wie Fußsprung vorwärts und rückwärts „nach oben“ schicken. Die längere Flugphase zeigt nicht nur Fehler auf, die vom Einmeterbrett vielleicht nicht zu sehen sind, sondern ermöglicht auch sprungkraftschwächeren Jahnkämpfern später mal einen eineinhalbfachen Delphinsalto. Von den Schlangen vor dem Einmeterbrett beim Einspringen mal ganz abgesehen ...

 

Kleine Regelkunde

Die Annahme, das Kunstspringen werde in etwa so bewertet wie der Sprung im Gerätturnen, führt bei Aktiven, Betreuern und Zuschauern immer wieder zu Unverständnis, wenn sie einen Wettkampf im Kunstspringen verfolgen. Es gibt einige Parallelen, aber auch gewaltige Unterschiede.

Ein falscher Sprung, Verdrehen von Schrauben um 90 Grad, Hilfestellung, kein Absprung bei Anlaufwiederholung, das Überziehen der Ausführungszeit – alles das führt in beiden Sportarten zum gleichen Ergebnis: null Punkte.

Auch dass die einzelnen Sprungrichter nach eigenem Ermessen für verschiedene Ausführungsfehler je bis zu zwei Punkte abziehen können, ist so ähnlich wie beim Gerätturnen.

Völlig neu ist die Kategorie im Kunstspringen "Maximal 4 ½ Punkte". Das wäre mit dem Halbieren der A- und B-Note bei groben Fehlern im Gerätturnen gleichzusetzen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Obergrenze von 4,5 Punkten nach einem solchen Fehler dann einer Ausführung von 10,0 Punkten entspricht und alle weiteren Abzüge trotzdem noch vorgenommen werden.

Maximal 4 ½ Punkte erhält ein Springer, wenn er bei einem fußwärts getauchten Sprung einen oder beide Arme über dem Kopf hält, bei einem kopfwärts getauchten Sprung einen oder beide Arme unterhalb des Kopfes hält, bei der Ausführung eines Standsprunges vor dem Absprung wippt (Lösen der Füße vom Brett) oder den Sprung teilweise in einer anderen als der angesagten Position (gehockt, gebückt, gestreckt) ausführt.

Maximal zwei Punkte erhält ein Springer, der den Sprung klar in einer anderen als der angesagten Position ausführt.

 Der gravierendste Unterschied zum Gerätturnen ist aber das Wertungsverfahren an sich. Die Sprungrichter zeigen wenige Sekunden nach dem Pfiff des Schiedsrichters möglichst gleichzeitig ihre Wertungen mit Tafeln an. Diese Ergebnisse in ganzen und halben Punkten werden vom Ansager verlesen und vom Protokoll erfasst. Das Mitschreiben und anschließende Auswerten des Gesehenen sowie Diskussionen im Sprunggericht gibt es nicht.

 

Berechnung des Endergebnisses

Im Jahn- und Schwimmmehrkampf wird das Ergebnis im Kunstspringen wie folgt ermittelt: Von den fünf Sprungrichterwertungen werden die höchste und die niedrigste gestrichen. Der Durchschnitt der drei verbleibenden Wertungen wird mit dem Schwierigkeitsgrad des Sprunges multipliziert. Das gleiche Verfahren wird beim zweiten Sprung angewandt. Das Endergebnis ist der Durchschnitt beider Sprünge. Die Tabelle der Schwierigkeitsgrade und die Umrechnungstabelle stehen im Aufgabenbuch "Wertungstabellen" des Deutschen Turner-Bundes auf den Seiten 62 bis 69.