nternationales Gym Symposium: Anreize aus Theorie und Praxis

Die Peking-Tage bei der EnBW Turn-WMTM waren abgeschlossen, da strömten die Menschen am frühen Morgen in den größten Vortragssaal vom SpOrt Stuttgart. Die Bestuhlung von über 200 Plätzen reichte nicht aus, um alle Interessierten beim Internationalen Gym Symposium die Möglichkeit zu bieten, den Neurologen Prof. Dr. Spitzer zu erleben. Er war zweifellos der geistige Magnet der viertägigen Veranstaltung – nicht zuletzt für den Präsidenten der Federation Internationale de Gymnastique (FIG), Bruno Grandi.

Die FIG, der Deutsche Turner-Bund und der Schwäbische Turnerbund wollten mit dem Internationalen Gym Symposium ihre jeweiligen Ziele verfolgen und positive Zeichen für eine wissenschaftlich untermauerte Weiterentwicklung des Turnens setzen: die FIG setzte auf Kontinuität der Symposien, die jeweils den internationalen Events angegliedert sind, der DTB setzte auf Kontinuität der Fortbildungen, stets angekoppelt an die internationalen Turniere von Cottbus und Stuttgart und der STB konnte mit Stolz auf eine lange Tradition setzen, nicht zuletzt die Fortbildung im Rahmen der Turn-WM 1989 hatte Maßstäbe gesetzt.

Dass das durch die guten internationalen Kontakte von Kurt Knirsch ermöglichte Programm so umzusetzen war, dafür hatten Hans-Jürgen Künneth und Corinna Schmiedle vom STB ihre strategisch-politisch-kommunikativen Fähigkeiten eingesetzt. Und es hat sich gelohnt, denn immerhin kamen knapp 300 Personen zu den Veranstaltungen, die von Referenten der FIG bestritten wurden, bereichert durch internationale und nationale Referenten in Theorie und Praxis.

Für diejenigen Zuhörer, denen das Programm zunächst ungeordnet erschien, bedurfte es nur der stets so wichtigen Kaffeegespräche, um zu erkennen, dass sich die Aussage von Prof. Spitzer, dass „Fertigkeiten und Erfahrungen mit dem jeweiligen Gemütszustand zum Zeitpunkt des Erlernens abgerufen werden“ wie ein roter Faden durch die Gesamtveranstaltung zog. Positive Lernatmosphäre schaffen, nicht das Konstrukt der „sensiblen Phase“ verfolgen, sondern positiv geprägtes Lernen, angepasst an das jeweilige Alter – dieses Credo hatte beeindruckt und wurde in vielen Vorträgen erneut aufgegriffen.

Während dem Internationalen Gym Symposium formulierten Referenten Fragen, die Diskussionen während und zwischen den Vorträgen anregten. Beispielsweise fragte Prof. Dr. Brüggemann, ob Gerätturnen noch zu verantworten sei, wenn bei manchen Bewegungen das 40-fache des Körpergewichts auf den Zwischenwirbelscheiben laste? Oder wie ein Trainer psychische Probleme seiner Athleten lösen könne?

Weniger publikumsnah, sondern vielmehr international bedeutend, zeigte sich die ehemalige Turnerin Nelli Kim, mittlerweile eine der FIG-Funktionärinnen. Sie stand für viele Teilnehmerinnen als Idol ihrer Kindheit am Pult – heute mit pailettenbesetzem Oberteil, damals im weißen Trikot mit rotem V-Ausschnitt, als Teamkameradin von Nadia Commanici. Nelli Kim sprach über den Code de Pointage und seine Weiterentwicklungen. Sie erläuterte Ideen, die bisher noch keinen Eingang in den Code de Pointage gefunden haben und vermittelte die FIG-Politik.

Als Turn-Historiker war Prof. Michael Krüger geladen. Sein Publikum hatte das weitaus höchste Durchschnittsalter. Dabei bewies er eindringlich, welche Entwicklungen des modernen Turnens langfristig angelegt waren und brachte auch Prognosen, welche Entwicklungen sich nach dieser WM durchsetzen können.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem In- und Ausland zeigten sich vom Internationalen Gym Symposium sehr beeindruckt. Die Themenvielfalt und auch der Übersetzungsservice bei den Hauptvorträgen setzten deutliche Maßstäbe.

Wie diese internationalen Kontakte und die Art der Fortbildung zukünftig für nationale Belange genutzt werden können, dazu äußerten sich in kleiner abendlicher Runde die Referenten aus dem In- und Ausland. Aus- und Fortbildung benötigt stets Impulse. Turntrainer sind oft fortbildungsresistent, und das nicht nur in Deutschland. Vielleicht hilft der Referent „zum Anfassen“ dabei – so wie hier während der WM in Stuttgart – Barrieren abzubauen und zu motivieren, dass Fortbildungen nicht nur dann wahrgenommen werden, wenn die Lizenz abläuft.

Einen sehr guten Vorstoß hat diesbezüglich Dr. Mariette Mauritz vorgenommen, eine junge Dozentin für Gerätturnen an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Sie war mit ihrem gesamten Schwerpunktfach Gerätturnen vor Ort und ließ die angehenden Sportwissenschaftler erleben, wie die Koryphäen aus den Lehrbüchern agieren. Für die Studierenden war dies nicht nur ein einmaliges Erlebnis, sondern gleichzeitig auch prägend für ihre Lehre. So sollte dieses Internationale Gym Symposium auch sein – eine Mischung aus internationalem Anreiz und wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen.